top of page

People-Pleasing ist keine Persönlichkeitseigenschaft

Person passt sich anderen an – People Pleasing als erlernte Überlebensstrategie, nicht als Persönlichkeitseigenschaft
Holzsteine

Wenn Gefallen wollen zu einem psychischen Symptom wird

Viele Menschen beschreiben sich beiläufig als „People-Pleaser“ – fast so, als würde man über Haarfarbe oder Musikgeschmack sprechen.Dabei wird oft übersehen, dass übermäßiges Gefallenwollen kein harmloser Charakterzug ist, sondern ein relevantes psychisches Muster, das mit erheblichem Leid verbunden sein kann.

Chronisches People-Pleasing ist häufig kein Ausdruck von Freundlichkeit, sondern ein Zwang zur Anpassung – und kann in bestimmten Konstellationen als Symptom einer psychischen Erkrankung auftreten, unter anderem im Rahmen von Zwangsstörungen, Traumafolgestörungen oder komplexen Bindungsdynamiken.

Wenn Zustimmung zur inneren Pflicht wird

Im Kern geht es beim People-Pleasing nicht um Großzügigkeit, sondern um Vermeidung:Vermeidung von Konflikten, Ablehnung, Irritation oder emotionaler Reaktion anderer Menschen.

Die zentrale innere Regel lautet oft:

„Ich darf niemanden enttäuschen.“

Um diesem inneren Zwang nachzukommen, müssen Betroffene:

  • ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen

  • ihre Persönlichkeit flexibel anpassen

  • permanent die Stimmung anderer scannen

Das Resultat ist häufig Hypervigilanz – eine ständige innere Alarmbereitschaft in sozialen Situationen.


Die „Fawn“-Reaktion: Anpassen als Überlebensstrategie

Neben Kampf, Flucht und Erstarrung wird heute zunehmend eine vierte Stressreaktion beschrieben: Fawn – das beschwichtigende, anpassende Verhalten.

Bereits ein kritischer Blick, ein veränderter Tonfall oder ein Zeichen von Unzufriedenheit kann diese Reaktion auslösen.Das Nervensystem reagiert, als stünde Gefahr im Raum – obwohl objektiv keine Bedrohung besteht.

People-Pleasing ist in diesem Sinne keine bewusste Entscheidung, sondern eine automatisierte Schutzreaktion.


People-Pleasing als Traumaantwort

In der klinischen Praxis zeigt sich People-Pleasing häufig als Folge früher Beziehungserfahrungen.

Kinder, die in unberechenbaren, emotional instabilen oder angsteinflößenden Umgebungen aufwachsen, lernen früh:

  • Sicherheit ist abhängig von der Stimmung anderer

  • Anpassung erhöht Überlebenschancen

  • Eigene Bedürfnisse sind potenziell gefährlich

Viele entwickeln schon früh:

  • übermäßiges Entschuldigen

  • Anpassung der Persönlichkeit

  • selektives Schweigen

  • Angst vor Sichtbarkeit

Was einst Schutz bot, wird im Erwachsenenalter zur Belastung.


Codependenz und externalisierter Selbstwert

Viele erwachsene People-Pleaser finden sich später in codependenten Beziehungen wieder.

Typisch sind:

  • ein stark externalisierter Selbstwert

  • Überverantwortlichkeit für andere

  • unterschwelliger Groll gegenüber Menschen, für die man sich überdehnt

Paradoxerweise entsteht eine Beziehungssituation, in der:

  • Bestätigung gebraucht wird

  • gleichzeitig aber die eigene Identität verloren geht

Das System ist instabil – für beide Seiten.


Wenn Grenzen setzen Angst macht

Besonders herausfordernd wird People-Pleasing dort, wo Autorität und Abgrenzung gefragt sind – etwa in Partnerschaft, Elternschaft oder beruflichen Rollen.

Das Wort „Nein“ kann sich körperlich bedrohlich anfühlen:

  • die Stimme wird höher

  • der Körper spannt sich an

  • Schuld- und Schamgefühle treten auf

Nicht, weil das „Nein“ falsch ist –sondern weil das Nervensystem gelernt hat, dass Abgrenzung gefährlich sein könnte.


Warum Veränderung so schwerfällt

Viele Betroffene erkennen ihr Muster klar – und bleiben dennoch darin gefangen.

Der Grund liegt selten im fehlenden Willen, sondern in der Angst vor Ungewissheit:

  • Wie reagiert mein Gegenüber?

  • Werde ich abgelehnt?

  • Entsteht Konflikt?

People-Pleasing reduziert Unsicherheit.Authentizität erhöht sie.


Der therapeutische Schlüssel: Exposition statt Vermeidung

Wie bei vielen zwanghaften Mustern liegt der Weg aus dem People-Pleasing nicht im besseren Verstehen allein, sondern im Erleben.

Das bedeutet:

  • „Nein“ sagen und die Reaktion aushalten

  • nicht sofort beschwichtigen

  • die eigene Stimme trotz innerer Angst halten

Mit Wiederholung lernt das Nervensystem:

Unzufriedenheit anderer ist unangenehm – aber nicht gefährlich.

Mit der Zeit:

  • wird die Stimme ruhiger

  • die innere Spannung sinkt

  • Selbstwirksamkeit entsteht


Mein klinischer Blick

Chronisches People-Pleasing ist kein Zeichen von Schwäche.Es ist ein Hinweis auf ein Nervensystem, das früh gelernt hat, sich selbst zu verlassen, um Beziehungen zu sichern.

Heilung bedeutet nicht, rücksichtslos zu werden.Heilung bedeutet, sich selbst nicht mehr zu opfern, um Sicherheit zu spüren.


Nachricht zum Mitnehmen:

Gefallenwollen ist nicht gleich Verbindung. Echte Beziehung entsteht dort, wo Unterschiedlichkeit ausgehalten werden kann.

Die Reaktion anderer bleibt unsicher –doch Unsicherheit ist nicht gleich Gefahr.

Kommentare


PRAXIS DR. MED. (RO) GEORGIA BRUNNER

Haselstrasse 33

5400 Baden CH​

Kanton Aargau

Schweiz

georgia.brunner@hin.ch

076 7219580

Um einen Termin zu vereinbaren, bitte ich Sie, sich vorab über das ONLINE-KONTAKTFORMULAR anzumelden.
Sie erhalten in den nächsten Tagen einen telefonischen Rückruf von mir.
Vielen Dank für Ihr Verständnis.
  • Instagram
  • Facebook
  • Linkedin
bottom of page