Psychotherapie verstehen
- BeyondPsychiatry
- 11. Jan.
- 2 Min. Lesezeit

Was „Übertragung“, „Gegenübertragung“ und „Regression“ wirklich bedeuten**
Psychotherapie wirkt nicht nur über Gespräche.Sie wirkt über Beziehung.
Viele der wichtigsten Prozesse in der Therapie laufen unbewusst ab – und genau dafür gibt es Begriffe, die oft abschreckend klingen, aber enorm hilfreich sind, wenn man sie richtig versteht.
Drei davon begegnen mir fast täglich:Übertragung, Gegenübertragung und Regression.
1. Übertragung: Wenn alte Beziehungsmuster im Hier und Jetzt auftauchen
Übertragung bedeutet, dass frühere Beziehungserfahrungen – meist aus der Kindheit – unbewusst auf die Therapeutin oder den Therapeuten projiziert werden.
Typische Beispiele:
Die Therapeutin wird als streng, kalt oder kritisch erlebt
Oder als besonders verständnisvoll, rettend, idealisiert
Starke Angst vor Enttäuschung oder Verlassenwerden
Übermäßiges Bedürfnis nach Bestätigung
Wichtig:👉 Diese Reaktionen sagen nicht primär etwas über die Therapeutin,sondern über frühere Bindungserfahrungen.
Übertragung ist kein Fehler – sie ist ein zentraler Wirkfaktor von Psychotherapie.
2. Gegenübertragung: Die emotionale Resonanz der Therapeutin
Gegenübertragung beschreibt die emotionalen und körperlichen Reaktionen der Therapeutin auf die Patientin oder den Patienten.
Dazu gehören zum Beispiel:
plötzliche Erschöpfung
Ärger oder Ungeduld
übermäßiges Mitgefühl
das Gefühl, helfen oder retten zu müssen
In der modernen Psychotherapie gilt:👉 Gegenübertragung ist kein Störfaktor, sondern ein diagnostisches Instrument.
Sie liefert Hinweise darauf,welche Beziehungsmuster im Raum stehen – besonders dann, wenn sie bewusst reflektiert wird.
3. Regression: Wenn alte Schutzmechanismen wieder aktiv werden
Regression bedeutet, dass Menschen in belastenden Phasen auf frühere Entwicklungsstufen zurückgreifen.
Das kann sich zeigen als:
erhöhte Abhängigkeit
Wunsch nach Führung oder Halt
kindlichere Reaktionen
emotionale Überforderung bei kleinen Auslösern
Regression ist kein Rückschritt im negativen Sinn.Sie zeigt, dass das Nervensystem Schutz sucht.
In einer sicheren therapeutischen Beziehung kann Regression:
Stabilisierung ermöglichen
alte Verletzungen zugänglich machen
nachhaltige Entwicklung fördern
Warum diese Prozesse so wichtig sind
Viele Menschen erwarten von Therapie:
„Ich komme, erzähle, bekomme Lösungen.“
Doch echte Veränderung entsteht oft dort, wo:
Gefühle irritieren
Beziehung herausfordert
alte Muster sichtbar werden
Genau hier entfalten Übertragung, Gegenübertragung und Regression ihre Wirkung.
Ein häufiger Irrtum
Diese Prozesse bedeuten nicht, dass:
die Therapie schlecht läuft
jemand „zu sensibel“ ist
etwas schiefgegangen ist
Im Gegenteil:👉 Oft zeigen sie, dass die Therapie in die Tiefe geht.
Mein klinischer Blick
Eine Psychotherapie ist nicht vorhanden, um die Gefühle weg zu machen. Es ist als Unterstützung um zu lernen mit Gefühle umzugehen.
Psychotherapie ist kein neutraler Raum ohne Emotionen. Sie ist ein Beziehungsfeld, in dem alte innere Landkarten sichtbar werden.
Nicht durch Analyse allein –sondern durch das, was zwischen zwei Menschen passiert.
Nachricht zum Mitnehmen:
Wenn Sie in der Therapie starke Gefühle entwickeln –oder sich plötzlich anders erleben als erwartet:
👉 Das ist nicht ungewöhnlich.👉 Oft beginnt genau dort echte Veränderung.

Kommentare