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Warum manche Menschen Antidepressiva schlechter vertragen

Aktualisiert: vor 2 Tagen

Medikamente
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Neurobiologische, psychologische und klinische Gründe


Antidepressiva können für viele Menschen eine wichtige Unterstützung sein. Gleichzeitig gibt es Patient:innen, die bereits bei niedrigen Dosierungen starke Nebenwirkungen entwickeln oder sich unter der Medikation subjektiv schlechter fühlen.

Diese Reaktionen sind kein Zeichen von Schwäche, fehlender Motivation oder „Ablehnung der Behandlung“. In den meisten Fällen lassen sie sich klinisch und neurobiologisch erklären.


1. Unterschiedliche Nervensysteme reagieren unterschiedlich


Nicht jedes Nervensystem verarbeitet Neurotransmitterveränderungen gleich.

Menschen mit:

  • hoher Stresssensitivität

  • frühkindlicher Traumatisierung

  • chronischer Übererregung

  • hoher innerer Wachsamkeit

reagieren oft empfindlicher auf Medikamente, die in serotonerge oder noradrenerge Systeme eingreifen.

Eine rasche Erhöhung von Serotonin oder Noradrenalin kann dann zu:

  • innerer Unruhe

  • Schlafstörungen

  • verstärkter Angst

  • Gefühl von Kontrollverlust

führen – besonders zu Beginn der Behandlung.


2. Aktivierende vs. sedierende Wirkprofile


Antidepressiva unterscheiden sich stark in ihrem aktivierenden oder dämpfenden Charakter.

Problematisch wird es, wenn:

  • ein aktivierendes Medikament bei bereits hoher innerer Anspannung eingesetzt wird

  • ein sedierendes Medikament bei ausgeprägter Antriebslosigkeit dominiert

Beispiele für mögliche Folgen:

  • Verstärkung von Angst unter aktivierenden Substanzen

  • emotionale Abflachung unter stark sedierenden Wirkstoffen

Die Wahl des Medikaments sollte sich daher nicht nur an der Diagnose, sondern am individuellen Spannungsniveauorientieren.


3. Trauma, Bindung und Kontrollverlust


Bei Menschen mit traumatischen Erfahrungen können Antidepressiva unbewusst etwas auslösen, das schwer in Worte zu fassen ist:👉 das Gefühl, innerlich die Kontrolle zu verlieren.

Typische Aussagen:

  • „Ich erkenne mich nicht mehr.“

  • „Es fühlt sich fremd an.“

  • „Ich habe Angst, was das Medikament mit mir macht.“

Hier spielt weniger die pharmakologische Wirkung allein eine Rolle, sondern die Bedeutung, die Veränderung des inneren Zustands hat.


4. Bipolares Spektrum und verdeckte Vulnerabilitäten


Nicht jede depressive Symptomatik ist rein unipolar.

Bei Menschen mit:

  • bipolarem Spektrum

  • Zyklothymie

  • ausgeprägter emotionaler Reaktivität

können Antidepressiva:

  • innere Unruhe verstärken

  • Schlaf massiv stören

  • emotionale Instabilität erhöhen

In solchen Fällen sind Antidepressiva nicht grundsätzlich kontraindiziert, erfordern aber besondere Vorsicht, Kombinationen oder alternative Strategien.


5. ADHS und Neurotransmitter-Dynamik


Bei Erwachsenen mit ADHS reagieren serotonerge Medikamente teils paradox.

Mögliche Effekte:

  • emotionale Abstumpfung

  • erhöhte Reizbarkeit

  • Verschlechterung der Konzentration

Hier liegt der Fokus oft weniger auf Serotonin, sondern stärker auf dopaminergen und noradrenergen Systemen.

Unentdecktes ADHS ist ein häufiger Grund für „unerklärliche“ Medikamentenunverträglichkeit.


6. Stoffwechsel, Genetik und Medikamentenabbau


Individuelle Unterschiede im Medikamentenstoffwechsel (z. B. über CYP-Enzyme) beeinflussen:

  • Wirkspiegel

  • Nebenwirkungsprofil

  • Verträglichkeit

Manche Menschen bauen Medikamente:

  • sehr langsam ab → Nebenwirkungen schon bei niedriger Dosis

  • sehr schnell ab → geringe Wirkung trotz korrekter Einnahme

Das erklärt, warum Standarddosierungen nicht für alle passen.


7. Erwartung, Angst und frühe Nebenwirkungen


Ein weiterer Faktor ist die frühe Phase der Behandlung.

Antidepressiva können initial:

  • Unruhe

  • Schlafveränderungen

  • vegetative Symptome

verursachen, bevor eine antidepressive Wirkung einsetzt.

Ohne ausreichende Aufklärung entsteht dann schnell:

  • Verunsicherung

  • Angst vor „Verschlechterung“

  • frühzeitiges Absetzen

Nicht jede frühe Nebenwirkung bedeutet, dass ein Medikament ungeeignet ist – aber jede Nebenwirkung sollte ernst genommen werden.


Mein klinischer Blick

Wenn Antidepressiva schlecht vertragen werden, liegt das selten an mangelnder Compliance.Meist liegt es an einer nicht optimalen Passung zwischen:

  • Nervensystem

  • Lebensgeschichte

  • innerem Spannungszustand

  • Substanzprofil

Eine gute psychiatrische Behandlung berücksichtigt genau diese Faktoren – und denkt in Alternativen, Kombinationen und Anpassungen.


Nachricht zum Mitnehmen

Unverträglichkeit von Antidepressiva ist kein persönliches Versagen. Sie ist ein Hinweis darauf, dass das Nervensystem differenzierter betrachtet werden muss.

Individuelle Psychiatrie bedeutet, nicht nur die Diagnose zu behandeln –sondern den Menschen dahinter.

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PRAXIS DR. MED. (RO) GEORGIA BRUNNER

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